Seit zwei Wochen wagt Michalis Pantelouris ein Experiment. Der Freie Journalist und Blogger recherchiert gerade in Griechenland und veröffentlicht seine Ergebnisse online auf der Plattform der Zeitschrift Neon.
Das ist ungewöhnlicher, als es auf den ersten Blick vielleicht scheinen mag. Erlaubt es doch dem Leser, Einblicke in die Arbeitsweise eines Journalisten zu erhalten – und nicht nur das fertige Produkt vorgesetzt zu bekommen. Ungewöhnlich ist das vor allem auch deshalb, weil Journalisten in der Regel nicht gerade durch Transparenz glänzen. Sei es bei der Nennung von Quellen (“so ein Sprecher”), der Angabe von Dokumenten (“laut aktueller Studien”) oder eben der Offenlegung des Recherchewegs.

Allerdings gibt es einen kleinen Haken an dieser experimentellen Darstellungsform, die Pantelouris Live-Reportage nennt. Und zwar das Thema: Pantelouris recherchiert die Hintergründe des Todes einer Deutschen in Griechenland. Der Anstoß dazu kam von ihrer Familie, die der offiziellen Version, es habe sich bei dem Tod ihrer Tochter um Selbstmord gehandelt, nicht glauben mag. Sie vermutet stattdessen, dass der Ex-Freund der Tochter damit zu tun hat. Pantelouris versucht nun, mehr über die Hintergründe der Ermittlungen und die entstandenen Ungereimtheiten zu erfahren. Aber ganz bewusst ohne den Druck, am Ende auch tatsächlich eine Geschichte vorweisen zu können. Vielmehr ist der Weg das Ziel:

Aber anders als sonst werde ich nicht nur berichten, sondern möglichst alles, was ich finde, hier zugänglich machen: die Gespräche, die Akten, die Bilder und alles, was ich möglicherweise finde – oder auch nicht. Denn diese Reportage ist tatsächlich live und echt. Es kann sein, dass ich von einer verschlossenen Tür zur nächsten laufe und nichts Neues erfahre. Das ist nicht einmal unwahrscheinlich.

Doch nicht nur Stefan Niggemeier äußerte bereits im Vorfeld des Projekts Zweifel,

dass ein solches persönliches Schicksal, ein solcher Kriminalfall das richtige Thema für ein solches Experiment ist.

Gerade die Kommentare auf Neon.de wären mit dem Adjektiv “skeptisch” noch wohlwollend umschrieben. Noch vor Beginn des ersten Live-Beitrags brach eine Flut der Ablehnung über Pantelouris herein, die sich in erster Linie auf die Auswahl des Themas bezog:

Wieso drängt sich bei einem ungeklärten Todesfall eine Live-Reportage in einem – Entschuldigung – Unterhaltungsmedium auf? Läuft Neon hier nicht Gefahr genau das zu tun, was Familie Waades den Behörden vorwirft – nämlich auf den Gefühlen und Rechten der Angehörigen rum zutrampeln?
(Neon-Nutzerin T-A)

Würde Neon das mit Themen z.B. der Entwicklungshilfe oder des Naturschutzes machen: Vielversprechend.
Aber hier ist der Treibstoff persönliches Drama.
Und damit assoziieren wir wohl alle eine auflagenorientierte Niveauverflachung.
(Neon-Nutzer Lag)

Nach zwei Wochen nun, in denen Pantelouris mit den Eltern und dem Bruder gesprochen, Akten gewälzt und das Grab von Susan Waade besucht hat, kann ich persönlich auch den Eindruck, dass das Schicksal einen Tick zu persönlich für ein solches Format ist, nicht ganz bestreiten. Dennoch: Die Härte der Diskussion auf Neon.de nimmt ab. Waren es im Vorfeld der Live-Reportage noch 60 Kommentare, sind die Zahlen mittlerweile meist kaum mehr bemerkenswert (Ausnahme: Der Besuch an Waades Grab).
Zudem bemüht sich Michalis Pantelouris durchweg um größtmögliche Objektivität und macht klar, welche Mittel er einsetzt um an Informationen zu kommen, erklärt wenn ihm Wege versperrt sind und gibt zu, wenn sich Widersprüche nicht lösen lassen. Mangelnde Transparenz kann man ihm also nicht vorwerfen.

Was bleibt? Alles in allem halte ich die Live-Reportage für eine spannende Darstellungsform, insbesondere   wenn sie noch multimedialer aufbereitetet wird, als Pantelouris das (hauptsächlich wegen des Schutzes von Persönlichkeitsrechten) leisten kann. Und dass sich die ablehnenden Kommentare der Neon-Nutzer hauptsächlich gegen das Thema und weniger gegen die Darstellungsform an sich richteten, lässt hoffen, in Zukunft öfter auf ähnliche Experimente zu stoßen.

Update am 04.08.: Michalis Pantelouris hat seine Live-Reportage beendet und zieht Bilanz:

Ich glaube, es ist im Großen und Ganzen gelungen, eine komplizierte Geschichte zu erzählen, und das ist ja schon mal der wichtigste Punkt. Außerdem ist eine Diskussion geführt worden über das Thema dieser Reportage: Über den Umgang mit etwas, das auf der einen Seite unausweichlich ist, und auf der anderen Seite komplett verdrängt wird – mit Tod, Zweifeln und Verzweiflung. Und es ist eine Diskussion geführt worden über Formen und Inhalte von Journalismus (…). Ich glaube fest daran, dass Journalismus den Lesern, Zuschauern, Hörern, eben den Usern gehört, aber es ist eben auch nötig, Dinge auszuprobieren, um die Werkzeuge zu entwickeln, die das auch umsetzen. Deshalb ist die Diskussion so wichtig, und ich bin dankbar für die vielen offenen, klugen, konstruktiven Beiträge, auch und gerade für die kritischen.