Leser bezahlen freiwillig für journalistische Inhalte im Web. Der Traum jedes Verlegers. Aber wie sieht es mit der Bezahlbereitschaft der Internetnutzer aus?

Untersuchungen gibt es einige, eindeutige Ergebnisse: Fehlanzeige.
Ich wage hier den Versuch zwei häufig zitierte Studien zu anlaysieren, die beide auf Untersuchungen aus dem Herbst 2009 basieren, von denen eine auf einer Untersuchung aus dem Herbst 2009 basiert, die andere auf einer Untersuchung vom Anfang dieses Jahres.

Die erste Internetstudie stammt von der GfK und kommt im Dezember 2009 zu folgendem Ergebnis (PDF):

13 Prozent der Internetnutzer, die privat Zugang zum Internet haben, wären bereit, für Informationen im Internet zu bezahlen: 8 Prozent würden Bezahlinhalte ohne Werbung und 5 Prozent würden einen kostenpflichtigen Informationszugang auch mit Werbeschaltungen akzeptieren.

Klingt erstmal nicht schlecht. Allerdings: Das Ergebnis bezieht sich auf die gesamte Studie, für die Personen in 16 europäischen Ländern und den USA befragt wurden. Die Zahlen für Deutschland sehen weit pessimistischer aus:
37%: Alle Inhalte sollten kostenlos sein, aber ich nehme Werbung und andere Marketingaktivitäten in Kauf
47%: Alle Inhalte sollten kostenlos sein, ohne Werbung
8%: Ich bin bereit, für Inhalte zu bezahlen – aber ohne Werbung
1%: Ich bin bereit, für Inhalte zu bezahlen, auch wenn Werbung geschaltet wird

Eine BITKOM-Studie kommt im April 2010 zu einem wesentlich positiveren Ergebnis:

Ein wachsender Teil der Internet-Nutzer ist bereit, für kulturelle Inhalte Geld auszugeben. Speziell für Qualitäts-Journalismus würden inzwischen 39 Prozent der Internet-Nutzer bezahlen – falls gute journalistische Berichte nicht mehr gratis verfügbar wären.

Leider liegt mir die Studie nicht vollständig vor, doch Björn Cziesli schränkt ein:

Immerhin 39 Prozent der Internet-Nutzer sind bereit, für Qualitätsjournalismus im Web zu zahlen – allerdings nur, “falls gute journalistische Berichte nicht mehr gratis verfügbar wären”. Trotzdem bejubelt der IT-Branchenverbandes Bitkom in einer aktuellen Studie die “wachsende Zahlungsbereitschaft” – dabei hatte er im Oktober 2009 lediglich nach der uneingeschränkten Zahlungsbereitschaft gefragt – was nur 16 Prozent der Web-Nutzer bejahten.
(via turi2)

Betrachtet man beide Studien die GfK-Studie und die April-Studie der BITKOM, fällt es schwer, zu einem einheitlichen Ergebnis zu kommen. Das mag zum einen vielleicht an der unterschiedlichen Auswahl der Untersuchungseinheit liegen. Bei der BITKOM-Studie wurden “deutschsprachige Personen ab 14 Jahren in Privathaushalten befragt”, bei der GfK-Studie waren es “Personen über 15 Jahren”. Alles andere als handfeste Definitionen. Zum jetzigen Zeitpunkt liegen mir die Studien leider noch nicht als Ganzes vor, ich werde mich aber darum bemühen und diesen Beitrag entsprechend ergänzen, falls sich daraus neue Erkenntnisse ergeben.

Zudem war zu dem Zeitpunkt, als beide Studien stattfanden (Ende 2009), Micropaymentdienste wie flattr oder kachingle noch weniger bekannt als heute. Möglicherweise hat der Umstand, dass Bezahlen daher fast ausschließlich per PayPal oder Überweisung/Kreditkarte möglich gewesen wäre, die Antworten negativ beeinflusst.

Update am 30.07.10: turi2-Autor Cziesli spricht von zwei unterschiedlichen BITKOM-Erhebungen, von denen die eine aus dem Oktober 2009 stammt und zu dem Ergebnis von nur 16 Prozent zahlungswilliger Internetnutzer kommt. Die andere, auch von mir zitierte, stammt aus dem April 2010 und kommt zu dem erwähnten Ergebnis von 39 Prozent.
Der Unterschied der beiden BITKOM-Ergebnisse bzw. der Unterschied des April-Ergebnisses zur GfK-Studie, liegt tatsächlich an der unterschiedlichen Fragestellung: Während die GfK und BITKOM im Herbst von genereller Zahlungsbereitschaft sprechen, untersucht die April-Studie der BITKOM die Zahlungsbreitschaft für den (zugegebner Maßen momentan eher unwahrscheinlichen) Fall, dass Qualitätsinhalte nicht mehr frei zugänglich sind. Dies bestätigte mir soeben BITKOM-Pressesprecher Christian Spahr:

dieses Jahr haben wir unter der expliziten Prämisse gefragt, dass Qualitätsjournalismus nicht mehr gratis im Internet verfügbar wäre. Ein anderes Szenario also, das erklärt den Unterschied.

Verwirrt hatte mich hier wohl die plakative Überschrift der BITKOM-Pressemitteilungen, denen zur Folge die Studien durchaus vergleichbar wirken (Oktober 2009: 84 Prozent der Internetnutzer möchten nicht für Online-Artikel zahlen, April 2010: 39 Prozent würden für Qualitätsjournalismus im Internet zahlen).

Fazit: Vergleichbar sind also höchstens die beiden Studien, die im Herbst angefertigt wurden. Und dabei lässt sich nach wie vor nicht erklären, weshalb der BITKOM-Wert mit 16 Prozent doppelt so hoch ist wie der, den die GfK-Wert im gleichen Zeitraum ermittelt.

Um eine Ergänzung dieser Einschätzungen in den Kommentaren wäre ich sehr dankbar!